Trauriges

... um meine Mutter und unsere Oti 

Erica Winter

geb.   03.10.1933 in Memel

gest.  20.02.2010 in Ratingen 

Erica Winter geb. Krauleidis

Rede anläßlich der Trauerfeier am 6. März 2010 in Ratingen Tiefenbroich

Meine liebe Mutter!

 

Du bist von Deinem Leiden der letzten Jahre erlöst.

Du hast unendlich tapfer Deine Krankheit ertragen und mit aller Kraft Dein Leben bis zu Deinen letzten Stunden verteidigt. Du hast bis zuletzt um jeden Schritt zum Einkaufsladen gekämpft und ihn nur wiederwillig gegen eine weitere Gehpause eingetauscht. Du hast so lange gegen die Schwäche gekämpft bis Du einen Tage vor Deinem Tod auf dem letzten Meter vor dem Haus zusammengebrochen bist und nur mit Hilfe eines Passanten ins Haus kamst.

In Vorahnung hast Du dann die Heizungen herunter gedreht, die Stecker gezogen, Du hattest mit Deinem Leben abgeschlossen. Du hast mir ´zig Notizen geschrieben, an was ich denken muss, hast alles geregelt was Du nur regeln konntest.

Deine Schwäche war dann schnell so groß geworden, dass Du keine Chance mehr für Dein Weiterleben sahst.

 

Dennoch war es uns vergönnt Deinen letzten Tag miteinander zu verbringen.

Du warst gezeichnet von der Erkrankung, konntest nicht mehr gehen, nicht mehr sitzen, die Augen fielen Dir vor Schwäche zu, ich habe Dich nach Hause getragen, so wie Du mich einst nach Hause getragen hast. Dieses letzte Mal hast Du zugelassen, Dich ganz und gar auf mich zu stützen, so wie ich mich mein ganzes Leben auf Dich stützen konnte.

 

Dein Leben war die Sorge für und um Deinen Mann und Deinen Sohn.

Du bist mit uns jeden Weg gegangen, hast jede Krankheit meines Vaters versucht mit ihm auszukurieren und uns immer gepflegt.

 

Du hast nie Rücksicht auf Dich selbst genommen, brauchtest weder Kur noch Wellness.

 

Du kanntest keine andere Selbstverwirklichung, als alles was Du konntest, für uns zu geben.

 

Du hast gekocht und gewaschen, gepflegt und geheilt, uns Geschichten erzählt und uns an uns selbst tausendfach erinnert.

 

Du hast Dir immer bis zu Deinen letzen Stunden Sorgen gemacht, wenn wir unterwegs waren. Konntest nicht schlafen, wenn ich noch nicht im Hause war.

Hast mir Mütze und Schal empfohlen im Sommer und im Winter, und mich regelmäßig ermahnt, auf meine Gesundheit und ausreichenden Schlaf zu achten.

 

Du hast Dich selbst nie wichtig genommen, wolltest uns, und auch sonst niemandem zur Last fallen.

 

Die letzten Jahre hast Du Dich aus dem Leben zurückgezogen und auch die Menschen, außen vorgehalten, die Deine Freunde waren. Du hast es Ihnen nicht leicht gemacht, den Kontakt zu Dir zu erhalten, Dich zu mögen und an Deinem Leben Anteil zu nehmen. Dennoch weiß ich, dass Du stets dankbar für jedes Telefonat warst, in dem Du mit Deinen Freundinnen über Dein Schicksal sprechen konntest. Reden und Erzählen waren die Instrumente mit denen Du Dir Dein Schicksal erleichtert hast, mit dem Du aber auch Deine Zuneigung zu anderen Menschen zum Ausdruck gebracht hast. Wenn Du jemandem zum ´zigsten Male eine der für Dich wichtigen Erinnerungen erzähltest, war das die Form in der Du Deine Zuneigung und Sympathie ausdrücktest. Du warst nie eine Kuschelmutter oder Kuscheloma, physische Nähe war nicht der Weg mit der Du Deine Zuneigung geäußert hast. Es waren die Erinnerungen und Geschichten, die Du aus Deinem Leben mitgenommen hast, die Du wieder und wieder uns und Deinen Freunden erzähltest. Viele dieser Geschichten entstammten den Erlebnisse mit meinem Vater und mir, viele entstammten aber auch Deiner Kindes- und Jugendzeit, die geprägt war von der Flucht aus Ostpreußen und der schlechten Zeit nach dem Krieg in einer zunächst sehr fremden neuen Umgebung in Uetersen.

 

Dieses Schicksal hat Dein Leben stark geprägt und Du hast Dir bis zu Letzt nichts, nur für Dich gegönnt. Dein Alltag war von extremer Bescheidenheit dominiert. Jede Ausgabe wurde intensiv abgewogen, ob sie sich denn noch lohne. Alles sollte für uns, die Kinder bleiben. Jede Ausgabe für Dich hast Du verneint, da Dir unser Leben und unsere Zukunft wichtiger waren, als das Deine.

 

Nun bist Du von Deiner Krankheit und der Dir erscheinende Leere nach dem Tode Deines Mannes erlöst. Mit Dir geht eine Ära. Viele Geschichten, die nun nicht mehr erzählt werden, viele Erinnerungen und wichtige Begebenheiten die nunmehr nur noch in unseren Köpfen sind. Es ist nun unsere Aufgabe, die wichtigen Lehren aus Deiner und unserer Vergangenheit zu ziehen und sie wiederum unseren Kindern zu vermitteln. Du hast Deinen Teil dazu beigetragen.

 

Meine liebe Mutter!

Du lebst in mir und unseren Kindern weiter. Sei Dir gewiss, Deine zahllosen, auch strengen, aber in der Dir eigenen Weise liebevoll gemeinten Ermahnungen, Ratschläge und Hinweise waren nicht umsonst, sie haben ihre Spuren tief in mir hinterlassen, genauso wie die Selbstverständlichkeit mit der Du Deine eigenen Bedürfnisse stets hinter die Deiner Familie gestellt hast.

 

Wir werden Dich nie vergessen denn Du bist ein Teil von uns für immer.

 

Liebe Trauergemeinde!

Ich danke Ihnen allen für Ihre Anteilnahme und auch im Namen meiner Mutter, dass Sie ihr heute mit Ihrer Anwesenheit ein letztes Geleit geben. Besonders aber möchte ich meinen Schwiegereltern Dieter und Maria danken, dass sie meine Mutter herzlich in ihrer Mitte aufgenommen haben und wir alle in den letzten Tagen eng zusammen standen.

 

Ich danken Ihnen.

Bild vom Grab der Eltern Erica Winter und Karl-Hermann Winter

... um meinen Vater

Karl-Hermann Winter

geb. am 8. Mai 1921

gest. am 9. Oktober 2002

Karl-Hermann Winter

Rede anläßlich der Trauerfeier am 17. Oktober 2002 in Ratingen Tiefenbroich

Liebe Mutti, sehr geehrte Trauergemeinde

 

Ein Mann ist von uns gegangen!

 

     Ein Ehemann

 

     Mein Vater

 

     Ein Bruder (meiner Tante Waltraud)

 

     Ein Onkel (meines Cousins Harald)

 

 

     Ein Freund und rotarischer Freund

 

 

     und insbesondere:

 

     Ein Soldat und Patriot

 

 

Mein Vater hat in seinem Leben viele Rollen und Aufgaben wahrgenommen.

 

Für meinen Vater bedeutete jede Rolle eine Verantwortung, die er bewusst und nach bestem Gewissen ausfüllen wollte. Dies bedeutete für ihn im eigentlichen Sinn „die Pflicht“ zu erfüllen. Nicht allein das Ergebnis zählte für meinen Vater, sondern sein Gradmesser für die persönliche Pflichterfüllung war stets, das einem persönlich „Mögliche“ getan zu haben. Deshalb war das Leben meines Vaters davon geprägt in all seinen Rollen und seinen Aufgaben stets das ihm „Mögliche“ zu tun, ohne Rücksicht auf seine persönlichen Empfindungen, Bedürfnisse oder seine Gesundheit.

 

Für ihn stand immer im Vordergrund zu „Geben“:

 

Als Ehemann, wusste er auf die Bedürfnisse und Eigenheiten meiner Mutter einzugehen ohne dabei Konflikten auszuweichen. Gemeinsam mit dem anderen zu lernen und in einer offenen nichts vor dem anderen verbergenden Harmonie zu leben, das machte meinen Vater in einer fast 40 jährigen Ehe mit meiner Mutter glücklich.

 

Als Vater erzog er mich, forderte mich und lehrte mich sein Verständnis von persönlicher Pflichterfüllung. Doch verbunden damit ließ er niemals Zweifel daran, mich um meiner selbst Willen zu lieben. Dies tat er nie mit Worten. Liebe und Zuneigung waren für meinen Vater nicht etwas dass man beschreiben oder besprechen konnte, kein Preis den man erringen kann, sondern eine unumstößliche Gewissheit, in der ich mich als Sohn immer Geborgen fühlte und fühlen werde. Wenn ich ihn teilhaben lassen konnte an meinem Leben, ihm berichten konnte von Erfahrungen und Entwicklungen, seinen Rat suchte, dann machte meinen Vater und auch mich das glücklich.

 

Als Bruder, Schwager und Onkel sorgte sich mein Vater immer um das Schicksal der Familie seiner Schwester. Wenngleich sich die Lebenswege nicht immer parallel entwickelten, vergas mein Vater niemals seine Verantwortung und stand Schwester, Schwager und seinem Neffen auf ihrem Lebensweg immer zur Seite.

 

Als Freund versuchte mein Vater auch über weite Distanzen Kontakt zu halten. Freundschaft bedeutete für meinen Vater vor allem, sich als Ansprechpartner anzubieten und sich mit Toleranz anderen Meinungen zu widmen, ohne aber jemals seine sehr sachlich stringente Meinung zurückzuhalten. Freunden und Gästen unseres Hauses versuchte mein Vater immer Raum für ihre Entfaltung zu bieten. Für ihn stand auch hier nicht seine Freude, nicht sein Wohl, nicht seine Person im Vordergrund, sondern wichtig war für ihn immer, dass sich Freunde und Gäste willkommen fühlten. Wenn ihm das gelang und er mit Menschen gleicher Offenheit, Aufrichtigkeit und einem gleichen Verständnis von Freundschaft zusammen sein konnte, machte meinen Vater das glücklich.

 

Ich darf mich an dieser Stelle auch im Namen meiner Mutter ganz herzlich für die Anteilnahme, die wir in den letzten Monaten und Wochen der Krankheit meines Vaters und insbesondere die wir in diesen letzten schweren Tagen der Trauer durch Anrufe, Briefe und Besuche erfahren haben, ganz herzlich bei Ihnen bedanken.

 

Doch neben diesen Rollen im Familien- und Freundeskreis war mein Vater von einer weiteren großen Lebensaufgabe geprägt. Er wollte nach dem Kriege als Soldat einen Beitrag für sein Land und die Menschen dieses Landes leisten. Nachdem er sich als 18jähriger sofort freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte, in der Überzeugung, seine Pflicht fürs Vaterland zu erfüllen, dann den Tod so vieler Kameraden erleben musste, um schließlich festzustellen, dass diese Tode und das Leid über Deutschland das Ergebnis von Diktatur, Unfreiheit und Propaganda gewesen waren, entschloss er sich, seinen Beitrag dazu zu leisten, dieses nie wieder geschehen zulassen. Das stellte die tiefe Motivation für meinen Vater dar, nach dem Kriege und nach seinem Ingenieurstudium sein Leben in den Dienst der Erhaltung der neu gewonnenen Freiheit zu stellen.

 

Dies bedeutete auch, dass er nach seinem Herzinfarkt, mit dem ihm eigenen Verständnis von Pflichterfüllung alle ärztlichen Maßnahmen zur Wiedergewinnung seiner Dienstfähigkeit geduldig ertrug, diszipliniert lebte, um, sobald wie möglich, wieder seinen Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können. Er nahm daher auch im Dienst nie Rücksicht auf sein angeschlagenes Herz und mein Vater bereitete uns seit jeher darauf vor, dass sein Leben plötzlich vorbei sein könnte: Für ihn war es nicht vorstellbar, Soldat zu sein und nicht belastbar zu sein.

 

Auch einen Gehirnschlag nach seiner Pensionierung konnte mein Vater überwinden, da er sah, dass er seine anfänglichen Sprach- und Gehbehinderungen durch diszipliniertes Training und stetiges Üben kompensieren konnte. Er konnte nach seinem Gehirnschlag innerhalb unserer Familie und seines Freundeskreises wieder seinen Beitrag zu unserem Leben leisten. Er konnte uns weiterhin etwas wertvolles „Geben“ nämlich seinen Rat, seine Erfahrungen z.B. auch in Vorträgen im Rotary Club und daraus die Befriedigung und das Glück schöpfen, dass er zum Leben brauchte.

 

Dies war nach dem zweiten Gehirnschlag meines Vaters im April diesen Jahres nicht mehr so. Bereiche des Stammhirns wurden so stark zerstört, das elementare Lebensfunktionen stark beeinträchtigt wurden. Das Leben war nach seinem Verständnis nicht mehr lebenswert, er konnte nach seiner Einschätzung seinen Beitrag zu unserem Leben nicht mehr leisten, fühlte sich als Belastung für unsere Familie ohne die Chance auf eine tatsächliche Genesung. Diese Erkenntnis wurde insbesondere in der Zeit nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus für meinen Vater immer deutlicher. Er akzeptierte diese Erkenntnis in der Gewissheit, "das", wie er am Vorabend seines letzten Tages sagte, "eigentlich alle Dinge im Lot seien", und schloss, nachdem er bis dahin, alles mit Geduld und in Würde ertragen hatte, mit seinem Leben ab.

 

Mein lieber Vater, Du warst für mich immer ein Vorbild und wirst für mich immer ein Vorbild bleiben und ich werde alles tun, um wie Du sagtes, "die Dinge im Lot zu halten".

 

Du lebst für immer in uns weiter.

Sargbild derTrauerfeier Karl-Hermann Winter
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